Eine wesentliche Fragestellung in der künstlerischen Arbeit von Sabina Hörtner ist ihre Auseinandersetzung mit Raum. Mit dem realen, architektonisch definierten, vorgefundenen Ausstellungsraum und vor allem aber dem Raum als soziales Gefüge, dem menschlichen Umraum. Ihr besonderes Interesse gilt den Räumen, die durch Anwesenheit, durch Handlungen und sich verändernde Beziehungen der Anwesenden untereinander und zum Raum entstehen.

Zentrales Thema der Einzelpräsentation Sabina Hörtners in der galerie kunsthaus muerz ist nun die Auseinandersetzung mit Raum und dessen Licht.

Jeder Ort definiert sich durch eine ganz spezielle Lichtsituation. Licht, das ein bestimmtes, konkretes, räumliches Gefüge verändern und neu definieren kann. Licht als Sujet, welches durch Öffnungen in Räume tritt und sich temporär als neue Ebene in einer unverwechselbaren Form auf eine vorhandene Struktur legt.
Bewegte Licht-Schatten-Ebenen, die dem Betrachter auch mit geschlossenen Augen kurz sichtbar bleiben.

Damit steht das Fenster als Sujet im direkten Zusammenhang, das Fenster als Grenze zwischen Innen und Außen, doch auch als Öffnung in der Architektur. Die hier in den Räumen der galerie kunsthaus muerz vorhandenen unterschiedlichen Fenstergrößen und die, der Entstehungszeit entsprechenden divergierenden, vor die Fensteröffnungen gelegten Gitterformen werden für die Künstlerin zum Ausgangspunkt der Auseinandersetzung in 50 50.

Sechs großformatige, grafische Arbeiten greifen jene durch Zufall bestimmten, nicht realen Augenblicke, in denen Licht durch die strukturierten Öffnungen in den Raum tritt und eine neue Ebene auf die Architektur legt, auf. Ein beliebiger Moment wird eingefroren und mittels zeitintensiver Zeichenarbeit präsent gemacht, einer anderen Wertigkeit zugeführt.

Eine mehrteilige Fotoarbeit beschäftigt sich mit der Sicht von Innen nach Außen. Das Fenster als Weg oder Barriere nach draußen. Das Fenster als Spiegel der Gesellschaft. Bis in die Mitte des letzten Jahrhunderts symbolisierte die Fensteröffnung auch den gesellschaftlichen Stand der Bewohner: Größe und kunstvolle Gestaltung geben darüber Aufschluss. Der Blick von außen und die öffentliche Wahrnehmung waren wesentlich; Einsicht ins Private mitunter gewünscht. Heute werden Form und Größe zumeist von den Bedürfnissen der Bewohner bestimmt. Der Blick von innen nach außen steht im Vordergrund. Einsicht ist selten gestattet.

Für ihre Arbeit im kunsthaus muerz hat Sabina Hörtner bestimmte Personen nach ihrem gewohnten, ritualisierten Blick aus dem Fenster befragt und Ausblick und Portrait der entsprechenden Person in Beziehung gesetzt. Einen Moment am gewohnten Fenster zu stehen und in einen festgelegten, konstanten oder sich über die Jahre verändernden Bereich zu blicken, fasst eine oft sehr lange Zeitspanne in der Wiederholung auf einen Punkt zusammen. Nicht das Blicken, das Sehen und Aufnehmen mit offenen Augen, steht dabei im Vordergrund, sondern das damit geschaffene Zeitfenster und der individuelle gedankliche Ablauf, der damit in Verbindung steht.

Das dritte Element der Ausstellung bildet ein (two frames-)Video. In diesem wird ein von der Künstlerin verfasster Text, der von etwa 90 Personen mit offenen Augen gesprochen wird – pro Person ein Wort – dem gleichen Text, der von denselben 90 Personen mit geschlossenen Augen gesprochen wird, gegenübergestellt. Die beiden entstandenen, unterschiedlichen Tonmelodien, die nicht der eines homogen (weil von einer Person) gesprochenen Textes entsprechen, laufen exakt parallel und überlagern sich.

Die feine, komplexe Struktur der Bedeutungsebenen und die offene Form der Kunstwerke verlangen Offenheit auch von uns Betrachtern. Wir sind gefordert, uns mit unseren eigenen Erfahrungen, Geschichten und Zugängen in den von der Künstlerin geschaffenen grafischen und gedanklichen Räumen zurechtzufinden. Es ist notwendig und wichtig, dass die Auseinandersetzung mit den Arbeiten von Sabina Hörtner über das bloße Betrachten der Zeichnungen, Fotografien und Filme als Bilder hinausgeht.